Mächtiger Brieffreund: Warum der frühere US-Präsident zur Post geht.

25. November 2014
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Ein Ex-Präsident, der lieber Briefe schreibt. Jimmy Carter durfte vier Jahre seines Lebens als mächtigster Mann der Welt verbringen – von 1977 bis 1981 war er das 39. Oberhaupt der USA. Wenn der mittlerweile 90jährige heute privat kommuniziert, geht er zur Post. Denn Jimmy Carter vertraut E-Mails nicht – aus Angst vor Überwachung.

 

Wer selbst einmal jene Nation gelenkt hat, die derzeit immer wieder durch Datenschutzverstöße und Überwachungsskandale in die Schlagzeilen gerät, der muss es ja wissen. Gut, in den späten Siebzigern gab es zwar noch keine E-Mails oder Smartphones, aber man kann annehmen, dass der ehemalige Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika schon ganz gut weiß, wie die Geheimdienstler so ticken. Deshalb schreibt er keine E-Mails, sondern lieber Briefe. Digitale Kommunikationskanäle sind ihm laut eigener Aussage einfach zu unsicher. 

 

Obama, bitte auflegen! Secret Service wollte dem eigenen Chef das Smartphone verbieten.

Auch der aktuelle Präsident Barack Obama musste sich 2009 erst gegen den Secret Service durchsetzen, um sein geliebtes Blackberry-Telefon weiter verwenden zu durften. Zu hoch sei das Sicherheitsrisiko, meinten die Experten. Es galt zu verhindern, dass der Boss Opfer jener Praktiken wird, die von den Behörden seines eigenen Landes eingesetzt werden: die systematische Überwachung durch Nachrichtendienste, die spätestens seit Wikileaks und Edward Snowden ein offenes Geheimnis ist. Dafür kann die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel davon ein Lied singen, denn auch sie benutzte weiterhin ihr Handy. Und dieses wurde Presseberichten zufolge tatsächlich lange Zeit von den Amerikanern abgehört.

 

Ihre Postsendungen sind außer Reichweite für Spione.

Sicher, immer wieder tauchen zwar Gerüchte auf, dass die amerikanische Post auch den Briefverkehr überwacht. Allerdings geht es hier nicht um Inhalte. Erfasst werden können maximal Absender und Empfänger von Sendungen. Im Internet besteht jedoch die Gefahr, dass Unbefugte nicht nur in Erfahrung bringen, wem Sie etwas schicken, sondern auch, was drinsteht. Zum Vergleich: Wenn Sie bei Freunden auf Besuch sind, können Sie kurz deren Computer nutzen, um Ihre Mails zu checken. Alles, was Sie brauchen, sind Ihre Zugangsdaten – ein Benutzername und ein Passwort. Sie können allerdings nicht im Hausbriefkasten Ihrer Gastgeber nachschauen, ob Sie einen Brief erhalten haben – das geht aus verständlichen Gründen nur vor Ort. Während ein Brief also ein Einzelstück ist, kann eine E-Mail auf verschiedenen Geräten angesehen, heruntergeladen und geöffnet werden, ohne dass Sie es merken. Bei einem Brief wäre so etwas wahnsinnig aufwändig. Wenn Sie einen Brief von Linz nach Salzburg schicken, müsste die NSA jemanden nach Österreich schicken, ihr Schreiben irgendwo auf dem Weg abfangen, unbemerkt öffnen, kopieren, wiederverschließen und weiterverschicken. Schwer vorstellbar, dass sie sich tatsächlich die Mühe macht. Bei Ihren E-Mails sieht die Lage anders aus – hier ist es gar keine Mühe. Ein paar Kabel, riesige Speicherorte – und schon kann ein einziger Mitarbeiter von jedem Schreibtisch der Welt aus die Korrespondenz von Millionen Menschen gleichzeitig überwachen. Und hier gilt die Devise: lieber alles durchforsten als etwas übersehen. Besonders skurril: bei der Überwachung ausländischer Bürger berufen sich die USA mitunter auf Gesetze aus einer Zeit, als es noch gar kein Internet gab – teilweise aus den späten Sechziger Jahren. Da träumte noch nicht einmal Jimmy Carter vom Präsidentenamt.

 

Auch Sie haben eine mächtige Marke in der Hand: die Briefmarke.

In Österreich, wo Briefe außerdem durch Post- und Briefgeheimnis geschützt sind, müssen Sie sich über die Sicherheit des Inhaltes sowieso keine Sorgen machen. Die Zentralen von NSA und anderen Geheimdiensten sind außerdem Tausende von Kilometern entfernt. Diese Distanz können zwar Ihre Daten und E-Mails in Sekundenbruchteilen überwinden. Ihre Briefe bewegen sich jedoch in großer Entfernung von den Hochburgen der Spione und Datensammler – und dort bleiben sie auch. Wenn Sie also einen Brief von Linz nach Salzburg schicken, dann taucht er mit Sicherheit nicht in Utah auf. Also, holen Sie einfach ganz lässig Ihre Marke raus und zeigen Sie den Geheimdiensten, wie Ihr Widerstand gegen die große Überwachung aussieht: Schreiben Sie einen Brief. Schließlich tut ihr früherer Chef das ja auch.

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