Briefe: Voll im Trend zur Entschleunigung.

11. November 2014
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In der digitalen High-Speed-Gesellschaft wirkt ein handgeschriebener Brief fast schon wie ein Relikt aus einer vergangenen Zeit. Stimmt, denn wenn man einen Brief schreibt, vergeht tatsächlich einiges an Zeit. Und die ist heutzutage ein kostbares Gut geworden.

 

Zeiten ändern sich. In der digitalen Welt geschieht das rasend schnell. Während Sie noch vor fünfzehn Jahren beim Herunterladen von ein paar Bildchen gemütlich eine kleine Zwischenmahlzeit zu sich nehmen konnten, erlaubt die Technik von heute längst ruckelfreie Streams in FullHD. Der Datenhighway kennt keine Tempolimits. Aber nicht nur die Kommunikation, auch alles Andere wird immer schneller: Verkehr, Hobbys, Medienkonsum, Freizeitgestaltung, Essen. Alles geschieht in „Echtzeit“. Wer bremst, verliert.

 

Die ausgepowerte Gesellschaft.

Nur, wer selbst schnell und ständig verfügbar ist, kann da mithalten. Statt einzukaufen gehen wir also powershoppen, Schlaf ersetzen wir durch 15 Minuten Powernapping, bevor wir noch schnell trainieren gehen – vielleicht mit der Powerplate? Dazwischen checken wir natürlich regelmäßig unsere Mails, um ja nichts zu verpassen – sogar im Urlaub, WLAN sei Dank. Aber irgendwann sind auch Powerfrau und Powermann mit ihren Kräften am Ende. Denn während Chips und Technik immer leistungsfähiger werden, besitzt der Mensch nur eine begrenzte Belastbarkeit. Zwar hat sich der moderne Mensch mittlerweile an ein regelrechtes Bombardement mit Informationen gewöhnt. Doch gleichzeitig musste unweigerlich seine Aufmerksamkeitsspanne sinken, denn zur Aufnahme und Verarbeitung einzelner Informationen steht immer weniger Zeit zur Verfügung. Wenn Sie diesen Text bis hierher gelesen haben, dürfen wir Ihnen gratulieren, denn dann sind Sie eine ruhmreiche Ausnahme. Texte im Internet werden prinzipiell nur noch mit Blicksprüngen „gescannt“ und kaum mehr richtig gelesen. Na bitte, schon ist auch das Gehirn zum Scanner – und somit zur Maschine – erklärt worden.

 

Die Entdeckung der Langsamkeit.

Aber die Mensch-Maschine ist fehleranfällig: ADHS, Burnout, Depression, Onlinesucht. Noch nie waren die Menschen so gefährdet wie heute, einen psychischen Knacks zu erleiden. Damit es nicht zum totalen Ausbrennen kommt, entdecken viele nun wieder eine gewisse Langsamkeit. Die französische Regierung trat sogar richtig auf die Bremse und hat Tech-Firmen kürzlich geschäftliche Mails und Anrufe nach 18 Uhr verboten, um die gestressten Mitarbeiter zu entlasten. Aber auch in Österreich verlassen immer mehr Menschen ihre Hamsterräder auf der Suche nach „sinnvollen“ und entspannenden Tätigkeiten. Sie praktizieren Tai Chi, machen Urlaub in Hütten ohne Mobilfunk-Empfang oder pflanzen ihr eigenes Gemüse an. Slow Food statt Fast Food, Handystop statt Hot-Spot.

 

Bewusst investierte Zeit: der handgeschriebene Brief.

Einen handschriftlichen, privaten Brief zu schreiben kann ebenfalls zur Entdeckung der Langsamkeit beitragen. Denn es braucht schon ein bisschen Zeit, seine Worte zu wählen und sie zu Papier zu bringen. Und Löschtaste gibt es auch keine. Nicht wenige schreiben handgeschriebene Briefe deshalb sogar vor und übertragen sie erst danach auf das finale Briefpapier, um hässliche Korrekturen zu vermeiden. Ein fast schon meditativer Vorgang, der zu einem wertvollen Einzelstück führt. Ganze Textpassagen einfach irgendwo heraus zu kopieren ist hier nicht möglich. „Copy-Paste“ trägt nun mal nicht Ihre Handschrift, alles wird einzig und allein von Ihnen verfasst. Ein handschriftlicher Brief zeigt dem Empfänger außerdem, dass Sie das kostbarste investiert haben, was der moderne Mensch haben kann: Zeit. Denn Zeit wird in der post-Hamsterrad-Gesellschaft nicht mehr „geopfert“, sie wird bewusst investiert. Und dass Sie beim Schreiben selbst ein bisschen Ruhe vor der Hektik des Alltags finden, ist ja auch nicht gerade zu verachten. Das Verfassen eines privaten Briefes ist also eine echte Win-Win-Situation für zwei: Absender und Empfänger. Wenn Sie jetzt immer noch denken, dass handschriftliche Briefe nicht mehr zeitgemäß sind, dann steht Ihnen das natürlich frei. Aber vielleicht haben Sie diesen Text dann ja wirklich nur gescannt.

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